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Die Kunstsammlung Bäumler

Als der Textilunternehmer Hans Bäumler mich zur Besichtigung seiner Kunstsammlung einlud, wurde daraus die Reise in eine unerwartete Welt. Mit privaten Bilderschätzen in dieser Zahl und Qualität mitten in Vorarlberg hatte ich nicht gerechnet. Ganz im Gegenteil. Nur wenige Jahre zuvor hatte ich in Bregenz eine Ausstellung zum Thema „Schnee. Rohstoff der Kunst“ organisiert und ein Gemälde von Claude Monet mit großem Aufwand aus der Schweiz entliehen. Dass es in Vorarlberg einen Sammler gegeben hätte mit gleich mehreren Monet-Landschaften wusste ich nicht. Damals hatte niemand eine Ahnung davon. 

Die Sammlung, die nun im Hohenemser Museum ARCHE NOAH – Sammlung Kunst & Natur öffentlich zugänglich ist, verdankt ihre Existenz der Jahrzehnte währenden Kunstbegeisterung von Konsul Hans Bäumler. Am Beginn seiner Sammeltätigkeit stehen die Werke der Münchner Schule des 19. Jahrhunderts. Zur wohl bedeutendsten Gruppe entwickelte sich aber der Sammlungsbestand zum französischen Impressionismus. Diesem gegenüber gestellt sind die impressionistischen Gemälde deutscher Künstler mit einem beigefügten Exkurs zur Kunst des deutschen Expressionismus. Es sind diese Schwerpunkte, welche in Verbindung mit dem offenen Dialog zwischen ihnen, der Sammlung Bäumler ein eigenes Profil verleihen. 

Die vom Sammler anfänglich favorisierte Malerei des frühen 19. Jahrhunderts setzt mit Gemälden der deutschen Spätromantik ein, flankiert von drei Staffeleibildern des großen österreichischen Biedermeiermalers Ferdinand Georg Waldmüller. Einen Glanzpunkt bilden die Meisterwerke von Carl Spitzweg; meist kleinformatige Bilder mit Anekdoten des Alltags zwischen Idylle und Ironie, welche ab den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts entstanden sind. Mit ihnen verfügt die Sammlung Bäumler über eine der großen Spitzweg-Kollektionen in Privatbesitz. Den Abschluss bilden die drei bayrischen Malerfürsten Franz von Defregger, Franz von Lenbach und Franz von Stuck. Dank der hohen künstlerischen Wertschätzung wurde ihnen schon zu Lebzeiten das Adelsprädikat verliehen. 

Im Kern der Sammlung liegt der Fokus auf dem französischen Impressionismus. Es ist diese für die Moderne grundlegende Stilrichtung, die in der Sammlung besonders dicht vertreten ist. Ausgehend von der „Schule von Barbizon“ erreicht sie in Hohenems einen ersten Höhepunkt mit Édouard Manets „Jeune Fille et Enfant“ aus dem Jahr 1879. Claude Monet und Pierre-Auguste Renoir sind mit vier bzw. fünf Gemälden vertreten. Während Monet vor allem als Landschaftsmaler glänzt, präsentiert sich Renoir in der Sammlung Bäumler mit typischen Frauenbildnissen und Stilllebendarstellungen. Um diese Klassiker reihen sich zahlreiche weitere bekannte Künstlerpersönlichkeiten, unter ihnen Blanche Hoschedé-Monet, Monets Schwiegertochter. 

Den Umbruch zum Postimpressionismus markiert Paul Gauguin mit einem Werk aus dem Jahr 1887. Das stilistische Übergangsbild entstand während eines Karibik-Aufenthaltes des Künstlers, als die folgenreiche Suche nach dem ersehnten Paradies ihn erstmals in ein außereuropäisches Land führte. Eine stattliche Zahl von Werken nach 1900 veranschaulicht die Weiterentwicklung der „Lichtmalerei“ in Frankreich im Gefolge der „Nabis“ und des Pointillismus bis weit in das 20. Jahrhundert. 

In den Hohenemser Räumen der ARCHE NOAH treffen die französischen Gemälde auf den Impressionismus deutscher Prägung. Er ist durch zwei seiner Hauptvertreter mit Max Liebermann und Lovis Corinth prominent vertreten. In Summe entsteht ein anregender Dialog über Gemeinsamkeiten und Unterschiede. In einem Exkurs zeigen zudem Franz Marc, August Macke, Max Pechstein, Emil Nolde und Alexej von Jawlensky die oft zeitgleichen aber inhaltlich und formal völlig andersgerichteten Ansätze des deutschen Expressionismus. Einen zeitlichen Abschluss der Sammlung bildet schließlich mit „Pichet et Bougeoir“ ein beeindruckendes Stillleben von Pablo Picasso aus den Jahren 1945/46. 

Was mich an diesem Bilderreigen mit mehr als 100 Werken aus 130 Jahren Kunstgeschichte stets aufs Neue anregt, ist das Rencontre wichtiger Kunstströmungen dieser Zeit. Hans Bäumler ist zu danken für ein Panorama, das uns ebenso kompakt wie erlesen gegenübertritt, so überraschend wie herausragend und wie mir scheint, nur selten in solch einer Dichte erlebbar wird.  

Prof. Dr. Tobias G. Natter